Wobblies & Zapatistas – Anarchism, Marxism & Radical History

Wobblies & Zapatistas – Anarchism, Marxism & Radical History


Andrej Grubacic
auf der anarchistischen Buchmesse, Bay Area am 15. März 2009
Aufnahme und Bearbeitung:Jamie LeJaune James Green hat ein tolles Buch über die Chicagoer Anarchisten geschrieben. Er sagte, dass sie gleichzeitig Marxisten und Anarchisten gewesen seien. Sie erfanden eine spezielle Art des Sozialismus, die sie Anarchismus genannt haben. Diese Tradition, diese Haymarket-Synthese, machten sich die Wobblies stark zunutze. Ich bin selbst ein Wobbly und ich lade euch ein, mit mir diese wunderbare Traditon kennenzulernen, die leider in der us-amerikanischen radikalen Linken sehr stark in Vergessenheit geraten ist. Die Wobblies wurden 1905 gegründet, als sehr heterogener Zusammenschluss… … von verschiedenen Radikalen und Gewerkschaften, … von der westlichen Bergarbeiter-Konfederation, … von migrantischen Landarbeitern, die den Erntearbeiten von Osten nach Westen folgten, und von Westen nach Osten und von Süden nach Norden. … von Leuten, die Textilarbeiter in Massachusetts waren. und von denjenigen, die 1912 den berühmten Streik für Brot und Rosen gemacht haben. … von Menschen, die gemeinsam Holz in den Pinienwäldern des Südens gehackt haben – Schwarze und Weiße. Leute, die gemeinsam im Hafen von Philadelphia gearbeitet haben – wiederum Schwarze und Weiße. Das war die erste ethnisch gemischte Gewerkschaft in der Geschichte der USA. Die Wobblies waren zu dieser Zeit die einzige Bewegung, bei der Migranten, Afro-Amerikaner und Frauen mitmachen konnten. Joe Hill, viele wissen wer das war, wurde nicht nur in Schweden geboren, sondern er hat auch in Mexiko gekämpft. Und er war, das steht in Frankilin Rosemonts exzellentem Buch, auch ein chinesischer Küchenchef. Er hatte ein besonderes Interessen an chinesischer Küche. Diese Form des Internationalismus, dieses Gefühl eins zu sein, mit allen auf der Welt, die für Freiheit kämpfen, ist etwas sehr Bemerkenswertes. Die Wobblies überlebten Repression der 1920er Jahre nur knapp. Und es ist fast wie ein Wunder, dass uns diese prächtige, innovative, atemberaubende und bodenständige Kultur der Solidarität von dieser Rebellenbande hinterlassen wurde. Wir sollten anfangen, diese Kultur zu respektieren und von ihr zu lernen. In den 1930ern und auch danach wurde die Kritik an der landesweiten und der CIO-Gewerkschaftsbewegung isolierten Arbeiter-Intellektuellen überlassen, wie Stan Beer, Martin Glaberman und Staughton Lynd. Aber die IWW wurde in den letzten Jahren durch eine neue Generation junger Radikaler neu erfunden. Ein wahrscheinlich nebensächliches Phänomen davon ist die Wiederentdeckung der linken libertären, libertär-sozialistischen oder anarchistischen Ideen. Ein weiterer interessanter Aspekt des Wobblyismus war die direkte Aktion. Das war ein zentraler Grundsatz der Wobblies. In Schenectady, New York erfanden die Arbeiter einen Weg, die Fabrik nicht zu verlassen: Sie setzten sich neben ihre Maschinen und weigerten sich, die Fabrik zu verlassen – das war die Erfindung des Sit-Ins. Das wurde 1937 in Flint, Michigan wiederholt. Die Kämpfe der Wobblies für Meinungsfreiheit sind sehr bekannt und die meisten von euch kennen sich sicher damit aus. Sie füllten die Plätze in den westlichen Städten, wo die freie Meinungsäußerung verboten war. Sie wurden inhaftiert, aber die Kosten der Inhaftierungen war so hoch, dass die Stadtväter sie widerwillig gehen lassen mussten. Also mussten sie zusehen, wie die Wobblies auf ihre Seifenkisten stiegen, um die Abschaffung der Lohnarbeits-Sklaverei zu predigen. Die Wobblies glaubten an eine große Gewerkschaft. Sie glaubten daran, die neue Welt in der Hülle der alten zu erschaffen. Um das zu erreichen, wollten sie die amerikanische Spaltung der Arbeitenden überwinden. Eine andere Sache, die von den Wobblies heftig bekämpft wurde, war jede Form von Hierarchie und hierarchischer Führung. Eine meiner Lieblingsanekdoten handelt davon, als der Dampfer Verona in Everett, Washington einlief, um sich dem Kampf für Meinungsfreiheit anzuschließen. Auf dem Schiff waren lauter Wobblies. Als die Wobblies das Schiff verließen, trafen sie auf Sheriff McRae und seine Männer. Und Sheriff McRae fragte: Wer ist euer Anführer? Dann kam sofort eine unmissverständliche Antwort von allen Mitgliedern der IWW: Wir sind alle Anführer! Danach passierte etwas, über das normalerweise kaum gesprochen wird: Sheriff McRae eröffnete das Feuer und töte fünf Kollegen. Aber genau so waren die Wobblies. Das ist diese großartige und inspirierende Tradition, wegen der ich so stolz bin, Teil der Wobblies zu sein. Ich denke, wir können eine Menge lernen, wenn wir uns fragen, was uns Wobblies und den Zapatisten lehren… Ich glaube, es gibt ein Problem mit dem Mikro… um diese Realität zu verstehen. Ich werde versuchen, ausgehend von der Realität der Wobblies und Zapatisten zu verallgemeinern, so wie ich es bereits versucht habe, zu beschreiben. Und ich werde die einige Grundsätze vorschlagen, die für die Organisierung einer neuen Bewegung heutzutage wichtig sind. Ich denke nämlich, dass wir heute angesichts der Krise des Kapitalismus, eine riesige Verantwortung tragen, ernsthaft mit der Organisierungsfrage umzugehen. 1. Wir sollten bei der Schaffung einer neuen Bewegung auf unsere Selbstaktivität vertrauen. Sie drückt sich in Organisationen und Diskussionen aus, die wir selber schaffen und kontrollieren. Bei der Revolution geht es nicht um die Übernahme der staatlichen Macht. Darum geht es nicht. Es sollte ein unendlicher Prozess des Erschaffens sein, getragen von horizontal vernetzten selbstbestimmten Körperschaften. Der erste Grundsatz ist also Selbstaktivität. Der 2. Grundsatz ist, dass wir mehr als nur Organisationen erschaffen müssen. Wir müssen mehr als nur eine Bewegung schaffen. Wir müssen eine wirkliche Kampfgemeinschaft schaffen. Und das ist der schwierigste Teil. Der 3. Grundsatz ist, sich nicht darin zu verfangen, was Alfred Whitehead die “unangebrache Konkretheit” nannte, also Wörter für Dinge zu halten. Heutzutage werden wir von Theorie überfluted und erstickt. Wir brauchen ein paar gute, alte direkte Aktionen zusätzlich zu der Analyse. Wir brauchen eine neue Beziehung zur Theorie und außerdem Strategie und ein Programm. Ich glaube zur Selbstaktivität brauche ich nicht mehr sagen. Und wegen der Zeitbegrenzung muss ich mich kurz fassen. Ich glaube wir sollten stärker auf den zweiten Grundsatz eingehen, auf den Grundsatz der Solidarität. Der Kapitalismus entwickelte sich innerhalb des Feudalismus als eine Vertragspraxis. Anarchismus sollte sich innerhalb des Kapitalismus als eine Praxis der Solidarität entwickeln. Wie können wir diese Solidarität praktizieren? Solidarität kann in Kämpfen praktiziert werden. Und es gibt es auch eine Solidarität in der Bewegung und ich glaube, das ist unabdingbar. Das haben wir viel zu lange außer Acht gelassen. Wenn wir Treffen zum Streiten organisieren, wo wir uns gegenseitig um die Wette anschreien und wo wir uns beleidigen – was leider viel zu oft passiert… Wenn wir uns nicht als compañeras benehmen, wie Kollegen, wie Brüder und Schwestern, wie ist es dann möglich, dass Leute mitmachen können, die nicht Teil unserer Bewegung sind? Warum sollten sie? Warum sollten sie uns die Erschaffung einer neuen Gesellschaft anvertrauen? Sie werden das nicht tun und sie sollten es auch nicht. Wir müssen also etwas ändern. Wir müssen die Form, wie wir über Solidarität denken, ändern. Schaut euch Anarchismus heutzutage an. Ich denke, als jemand, der mit 12 Anarchist wurde, bin ich kompetent genug zu sagen: Anarchismus in den USA ist ein totales Durcheinander. Wir sind keine Bewegung. Wir sind eine Szene. Wir müssen uns in eine ernsthafte politische Bewegung verwandeln. Mehr als alle anderen sollten Anarchisten der Annahme vertrauen, dass ein richtiger Revolutionär lernen muss in dem Meer der Leute zu schwimmen. Wer das nicht tut, muss sich als das bezeichnen lassen, was in Deutschland als “Kathedersozialist” bezeichnet wird. Das sollten wir nicht tun: Die Verschwörung findet unter Leuten statt, die an Universitäten arbeiten. Es werden anderen Leuten an der Uni Ideen vorgestellt und es wird so getan, als ob diese sehr wichtig wären. Ich lehne das ab! Ich denke, wir sollten das alle ablehnen. Wir sollten Marcos folgen, in die verschiedenen lakadonischen Regenwälder und die verschiedenen Chiapas’, die in unserem eigenen Land, hier in den USA, existieren, um daraus etwas Neues zu lernen. Ich bin mir sicher, wir sind uns alle einig in der Ablehnung des marxistisch-leninistischen Avantgardismus. Gerade zu erbittert lehnen wir das ab. Aber über unsere eigene revolutionäre Praxis, die dem Avantgardismus nahe kommt, denken wir nicht nach. Stattdessen wird darüber nachgedacht, dass es ein massives Organisierungsproblem gibt. Ein Organizer hat immer die Vorstellung, dass er/sie es irgendwie besser weiß, was mit denen passieren sollte, die er/sie organisieren will. Ich glaube, das ist ein gewaltiges Problem. Staughton Lynd und ich schlagen stattdessen etwas vor, das wir “Prozess der Begleitung” nennen. Ziemlich ähnlich wie die Zapatisten. “Ich organisiere euch nicht und ihr organisiert mich nicht. Ich begleite euch und ihr begleitet mich.” “Acompañado” bedeutet, ebenso wie compañero, das Brot miteinander zu teilen. Das ist eine schöne Lesart! Diese Vorstellung impliziert, dass keine vollständige Landkarte existiert. Daher gibt es keine Straße. Man muss die Straße durch Gehen herstellen. Ein Revolutionär sollte dahin gehen, wo die Leute kämpfen. Sich selbst nützlich machen und sich den Kämpfen anschließen. Wir müssen den Populismus wiederentdecken. In dem Sinne der russischen Populisten oder der Wobblies von damals. Oder so wie ihn die Chicagoer Anarchisten damals auslegten. Wir müssen anfangen zu schwimmen und zu lernen, wie man im Meer der Leute schwimmen kann. “Begleiten” ist in dieser Hinsicht eine wunderbarer Orientierung zum Üben. Außerdem ist das ein toller Prozess, der die Probleme hinter sich lässt, die durch den revolutionären Avantgardismus produziert wurden – sowohl von den Anarchisten als auch von den alten traditionalistischen Bolschewisten. Heutzutage erleben wir Umstände, die – wenn man darüber nachdenkt -Anlass zur Hoffnung geben. Dafür gibt es zwei ernst zu nehmende Anlässe: Erstens – damit komme ich auf den 3. Grundsatz zurück – leben wir in einer Zeit, wo Menschen arbeitslos sind. Wir befinden uns nicht in der Rezession, sondern in der Depression – und es wird noch schlimmer. Das bedeutet, dass noch mehr Leute arbeitslos werden. Wir müssen müssen Wege finden, wie wir uns mit diesen Menschen zu vernetzen. Zweitens gibt es, wenn wir den marxistischen Theoretikern folgen, die ich schätze, wie bspw. Immanuel Wallerstein, gibt es eine strukturelle Krise des Kapitalismus. Der Kapitalismus fällt auseinander. Die unendliche Profitakkumulation dient nicht mehr den Interessen des kapitalistischen Klassenkampfs Sie versuchen ein neues System zu finden. Und dieses System kann ein sehr hässliches System werden, möglicherweise sogar hässlicher als der Kapitalismus – sofern wir uns so etwas vorstellen können. Wir müssen das gleich tun. Wir müssen eine Strategie und ein Programm schaffen und wir brauchen eine Vision. Wir müssen das sehr ernst nehmen, weil wir uns in einer sehr schlechten Situation befinden werden, wenn wir verlieren. Weil die erarbeiten das jetzt, während wir hier sprechen. Abschließend fasse ich zusammen – und vielleicht gibt es noch Zeit für Diskussionen und Fragen… Wie gesagt komme ich vom Balkan, daher werde ich zum Abschluss etwas über den Balkan sagen. Sicherlich habt ihr von den griechischen Aufständen gehört und bestimmt wisst ihr auch etwas über die griechische Mythologie. Wir leben in chaotischen Zeiten. In der griechischen Mythologie bedeutet Chaos nicht Unordnung. Chaos bedeutet “ein leerer Raum, der auf Besetzung wartet”. “Und es geschah im Chaos, dass ein silbernes Ei gelegt wurde, welches Pfeile zerlegte.” Es gibt ein anderes wunderschönes antikes griechisches Wort: Kairos, das bedeutet “der richtige Moment”. Wir leben in Zeiten von Kairos. Wenn es jemals einen Zeitpunkt gab, an dem wir reagieren und von den Wobblies und den Zapatisten lernen mussten, dann ist er heute. Wir müssen den Kapitalismus, den Staat und die Hierarchien überall bekämpfen. Mit der gesamten Leidenschaft und all der Intelligenz, die wir besitzen. Dankeschön. Ich hoffe, ihr habt ein paar Fragen. Kannst Du noch etwas darüber sagen, was in Griechenland passiert? Also gut, was passiert in Griechenland? Es gab eine erste Krawall-Erfahrung. Diese wurden von der Öffentlichkeit völlig zu Unrecht als Kreditklemmen-Krawalle bezeichnet. Das stimmt nicht, das ist niemals passiert. In Griechenland gab es einen Aufstand der Würde… Griechenland hat eine sehr komplizierte Geschichte. Das war ein Aufstand der Würde und viele meiner Genossen haben mir gesagt, für sie war die wichtigste Parole:”Wir sind hier!” “Wir sind hier”, weil sie unsichtbar gemacht wurden. Im Moment sind sie nicht mehr in den Schlagzeilen, weil sie nicht mehr randalieren. Zur Zeit besetzen die Griechen und sie schaffen Strukturen und Formen der direkten Demokratie. Das ist genau diese griechische Tradition. Es gibt eine Volksaufstands-Oper. Ein staatliches Theater, das von den Arbeitern besetzt wurde. Die Arbeiter – Balletttänzer und Schauspieler – betreiben das Theater in Selbstverwaltung. Nach der Welle der Austände, kam eine Welle der Besetzung, mit der Experimente der Selbstverwaltung und direkter Demokratie einhergingen. Das ist sogar noch begeisternder als die Aufstände. Im Mai fahre ich dahin zu einen riesigen politischen Festival, zu dem Menschen aus ganz Europa kommen, um ihre Solidarität mit den griechischen Genossen auszudrücken. Das wird bestimmt toll! Kannst Du etwas über den “Internationalismus der Schuld” sagen? “Internationalismus der Schuld” haben Staughton Lynd und ich in meinem Buch “Wobblies und Zapatisten” erwähnt haben. Für mich als jemand vom Balkan war es wirklich interessant festzustellen, dass so viele aus der radikalen Linken in den USA an diversen Arten von Schuld leiden. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Für mich war das ein großes Problem. Ich habe mich mit dem Verleger einer bekannten, linken Zeitschrift getroffen, von der ich jetzt den Namen nicht sagen werde. Und ich habe ihn gefragt: “Wie sieht’s mit der weißen Arbeiterklasse aus?” Er sagte: “Du meinst die Rednecks? Warum sollte man diese Südstaaten-Bauerntrampel organisieren?” Er ist ein bürgerliches Mittelschichts-Kind, das sich sehr schuldig fühlt, weil es weiß ist. Wahrscheinlich ist das gut. Aber wenn man über diese Sachen nachdenkt, darf man die Klassenperspektive nicht aus den Augen verlieren. In den USA fällt mir immer wieder auf, dass Klasse vollkommen vernachlässigt wird. Wir reden über alles andere – und das sollten wir auch tun. Aber wir sollten auch über Klasse sprechen! Ich glaube, dass die Frage noch weiter führt. Es gibt hier eine Kultur der Schuld, die vielleicht auf die protestantische Tradition zurückgeht – aber da bin ich mir nicht so sicher. Die Leute fühlen sich immer schuldig. “Ich fühle mich so schuldig, ich kann nicht…”
– Nein! Als ich im anarchistischen Zentrum in Philadelphia war, habe ich die Leute gefragt: “Was macht ihr mit Personen dunkler Hautfarbe?” Weil in dem Zentrum nur Weiße waren. Sie sagten:”Weißt du, wir sind Kolonisatoren.” Da fragte ich sie: “Aber warum redet ihr nicht mit ihnen?” “Weil wir die Kolonisatoren sind!” Schuld ist kein produktives Gefühl. In den USA ist etwas Komisches passiert. Es gibt gibt wenige Strömungen von Organisierung. Die marxistisch-leninistische Avantgarde-Richtung war eine Art von Kolonisation. Einige werden sich erinnern. Früher wurde von der “Kolonisation von Fabriken” gesprochen. Die Unzufriedenheit mit diesen Organisationsformen hat zur Hinterfragung der revolutionären Praxis geführt. Ein Resultat war die sogenannte “freundlich gesinnter Intellektueller-Option”. Das bedeutet, man bleibt in der Uni, arbeitet in der Bibliothek und schreibt Bücher wie Multitude oder Die Welt verändern ohne die Macht zu übernehmen und man hat eigentlich keine Ahnung, davon, was woanders wirklich passiert. Ein anderes Resultat ist die Sozialarbeits-Methode. Das bedeutet soviel wie “Ich bin ein Revolutionär, aber meine Aufgabe besteht im Kinderhüten.” “Ich stehe außerhalb der Gemeinschaft derjenigen, die kämpfen. Ich bin kein Teil von denen, ich helfe ihnen nur.” In der liberalen Theorie ist das die Rolle des Staates. Da die USA kein gutes soziales Sicherungssystem hat, verstehe ich das Bedürfnis nach Sozialarbeitern. Aber wir als Revolutionäre müssen eine andere Perspektive und Beziehung mit den kämpfenden Gemeinschaften entwickeln. Das habe ich versucht mit Begleitung zu beschreiben. Mit dem Internationalismus der Schuld ist gemeint, dass hier in den USA immer ein exotisches Subjekt gesucht wird, das allein qua Existenz fetischisiert wird. Bspw. nepalesische Maoisten und zu einem gewissen Grad auch die Zapatisten. Aber es wird nicht in diese wunderbare, tolle Geschichte zurückgeblickt, wie z. B. die der Wobblies. Gibt es eine tollere Bewegung? Stattdessen wird sich auf dieses Parteiäquivalent in Nepal oder woauchimmer bezogen, ohne auf die dabei an die durchschnittlichen Leute zu Hause zu denken. Es wird sich nicht mit den Nachbarn organisiert. Meiner Meinung nach ist das ein großes Problem, das mit diesem Schuldgefühl zu tun hat, und kommt bei den weißen Mittelschicht-Außenseiter vor. Ich glaube aber nicht, dass das schlimm ist. Anarchisten sind eine Szene, die sich nicht aus Arbeiterklasse, sondern größtenteils aus der Mittelschicht zusammensetzt. Das sollte kein weiterer Grund für Schuldgefühle sein. Denkt mal an Russland 1905. Da wurde der erste Sowjet in der Universität von St. Petersburg gegründet. Wenn ihr an Ungarn 1957 denkt… Ich rate euch das tolle Buch zu lesen, von Andy… Wie war noch mal sein Nachname? Ich erinnere mich gerade nicht dran. Also 1957 fing mit dem Petofi-Zirkel, Intellektuellen, Außenseitern an und mit denen, die in Osteuropa linke Intelligenz genannt werden. Danach machten die Arbeiter in großer Anzahl mit. Aber die ersten waren die Studenten, Außenseiter, Mittelschichtler… Ich weiß nicht, inwieweit Gramsci mit der Hegemonie der bürgerlichen Ideen Recht hat, aber manchmal schaffen es die Außenseiter, die Linken, die Professoren und die Studenten aus dieser Logik auszubrechen. Und dann wird ein Raum für die Arbeiter geschaffen, in dem experimentiert, nachgedacht und gekämpft werden kann. Aus meiner Perspektive ist das Problem in den USA ist, dass wir das nicht machen. Wir müssen uns diesen Räumen annähern und sie erschaffen. Was ist mit dem Rassismus in den USA und was ist sein Einfluss auf Organisierung? Ich gebe euch mal ein Beispiel: Ich arbeite mit einer Gruppe zusammen, die sich Lucasville 5 nennt. In Lucasville, Ohio ist die längste Gefängnisrevolte in der Geschichte der USA ausgebrochen. Elf Tage lang versammelten sich Strafgefangene, die den muslimischen Gangster-Schülern, der muslimischen Sunni-Bruderschaft und der arischen Bruderschaft angehörten. Ihr wisst ja was das für Organisationen sind. In Youngstown, Ohio. Dort passierte eine sehr bemerkenswerte Revolte. Nachdem die Revolte vorbei war, konnte man Parolen auf der Wand sehen: “Eine Rasse – Gefangenenrasse.” “Keine Weißen, keine Schwarzen – nur Blaue”
– die Farbe der Sträflingskleidung. Diese Leute sind die großartigsten Intellektuellen, die zu treffen man sich nur wünschen kann. Die Lucasville 5 wurden zum Tode verurteilt. Einer von ihnen, Keith Lamar, der sich nun Bomani Shakur nennt, schreibt gerade seine Memoiren, die bald bei PM Press veröffentlicht werden. Das Vorwort, also die Einleitung, wurde von seinem besten Freund geschrieben. Sein Name ist Jason Robb und ist der Chef der arischen Bruderschaft in Ohio. Wenn die das können, dann können wir das schon lange. Ich denke, wir müssen aufhören. Vielen herzlichen Dank, dass ihr hier wart! Untertitel: Christian Rollmann

2 thoughts on “Wobblies & Zapatistas – Anarchism, Marxism & Radical History

  1. Sorry, two very serious mistakes: one, the assumption that with our present numbers we can somehow revert our situation and "swim the people". Different waters and different numbers call for different strategies. Two, the idea apparently based on marxism that we have the opportunity to think ahead of the evolution of capitalism and prevent an even uglier system to come about, danger to fall to the tendencie the speaker criticises himself: not to achieve direct action.

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